Eisbibel
Eintrag des Pfarrers Besserer

 

Eisflut von 1784.

In einem Kupferstich von 1783 zeigt sich Mülheim mit seinen Kirchneubauten, Fabriken, herrschaftlichen Häusern im barocken Glanz. Da kommt mit der Eisflut von 1784 eine gewaltige Katastrophe über die Stadt. Im Februar dieses Jahres staut sich der Rhein durch die Eisschollen so auf, dass er bei Porz aus dem Bett tritt und mit einer riesigen Eisflutwelle ein Drittel des Ortes in den Rhein spült. Darunter auch die lutherische Kirche, samt Pfarrhaus, Schule und Armenhaus. Das reformierte Predigthaus wird auch überflutet, bleibt aber stehen. In ihm findet man die Bibel herumschwimmen. Sie kann gerettet werden, und gibt als „Eisbibel“ bis heute in der Gemeinde von dieser Katastrophe Zeugnis. Der lutherische Kirchturm, der als einziges Gebäude dieser Gemeinde die Flut übersteht, wird später Gefängnis. Der barocke Turmhelm wird von Christoph Andreae nach Monschau verkauft, wo er noch heute auf der evangelischen Kirche zu sehen ist. Diese Katastrophe ist in vielen Briefdokumenten anschaulich überliefert und hat in ganz Deutschland Anteilnahme hervorgerufen.

Innerhalb Mülheims hat die Notsituation zur Milderung der konfessionellen Gegensätze beigetragen. Die Verteilung der Spendengelder wurde zum Teil überkonfessionell organisiert. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Brief Andreaes an seine jüdischen Handelspartner in Frankfurt, in dem er die Unterstützung der kleinen Synagogengemeinde Mülheims organisiert, die dadurch ihre zerstörte Synagoge wieder aufbauen kann.

 

Neubau der lutherischen Kirche.

Christoph Andreae, der selbst schweren Schaden an seinen Fabrikgebäuden zu beklagen hat, gelingt es, mit der Unterstützung des Herzogs, aber auch durch zahllose Spenden aus ganz Deutschland und den Niederlanden, binnen zwei Jahren eine neue lutherische Kirche auf hochwassersicherem Gelände an der Wallstrasse erbauen zu lassen.1786 wird die neue Andreaskirche (später Friedenskirche) eingeweiht und ist damit die älteste Kirche in Köln, die als evangelische Kirche errichtet wurde.

 

Friedenskirche mit Turm um 1850

 

Union.

Ihren heutigen Namen „Friedenskirche“ erhält sie 1837, als sich die reformierte und die lutherische Gemeinde zusammenschliessen. Diese Union wurde massiv vom preußischen König gefördert, der seit 1815 Landesherr im Rheinland und für die Protestanten auch oberster Repräsentant der Kirche ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mülheim im Zeichen der Industriealisierung.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Mülheim zu einem Standort der Großindustrie. Felten&Guillaume, Böcking, lLindgens, Zytphen und Charlier, und natürlich weiterhin Andreae, Steinkauler und andere Familien bestimmen die wirtschaftliche Entwicklung Mülheims und das Leben der Kirchengemeinde. Auch ihre Grabmäler auf dem alten evangelischen Friedhof zeigen die wirtschaftliche und kulturelle Sonderstellung dieser Familien.

Auf der anderen Seite nehmen durch die Industrialisierung die sozialen Konflikte zu und auch die Entfremdung von Arbeiterschaft und Kirche. Mülheim wird zu einem Industrievorort, von dem der in Mülheim geborene Schriftsteller Herbert Eulenberg in seinen Memoiren schreibt:“Man kann nicht grade behaupten, daß sich meine Vaterstadt Mülheim besonderer Reize erfreut oder durch Naturschönheiten ausgezeichnet ist. Und ein künstlerisch veranlagter Freund, der mich einmal dort aufsuchte, meinte kopfschüttelnd, als wir durch die Stadt und die endlosen schwarzen Arbeitermassen Mülheims wanderten, die zum Mittag wie zum Abend hastig krabbelnd wie Ameisen ihre Fabriken verließen:“Wie ist es möglich, daß in diesem nüchternen Nest ein Dichter geboren werden konnte!“

 

1895 baut die Gemeinde, mittlerweile auf 20 000 Gemeindemitglieder angewachsen, unter dem Kirchmeister Eduard Rhodius an der Regentenstrasse die grosse neue Lutherkirche mitsamt einem repräsentativen Pfarrhaus und Gemeindehaus. In diesen Jahren ist die evangelische Gemeinde auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Blüte.

 

 

 

Die Lutherkirche erbaut 1895. Foto: Nickolay
Altar
Innenraum

Von „Thron und Altar“ zur „Bekennenden Kirche“.

Die enge Beziehung der evangelischen Kirche zum Kaisertum führt zu einer weitestgehenden Identifikation mit den Kriegszielen und der Politik des Kaisers. Aus dieser Symbiose von Thron und Altar konnten sich die evangelischen Christen auch in Mülheim kaum lösen, wie man im „Sonntags-Blatt“ der Gemeinde aus dieser Zeit nachlesen kann. Mit dem verlorenen Krieg und der Abdankung des Kaisers kommt auch der Protestantismus jener Zeit in eine Krise. Die Weimarer Republik wird nur von wenigen Pfarrern begrüßt.

So kann es nicht verwundern, dass bei dieser deutschnationalen Grundhaltung der aufkommende Nationalsozialismus wohlwollend betrachtet wird. Die Bewegung der Deutschen Christen hat anfänglich auch in der Gemeinde Mülheim Raum bekommen. Allerdings nur bis zur Bekenntnissynode der „Bekennenden Kirche“ im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen. Danach erklärt das Presbyterium der Gemeinde den Beitritt zur Bekennenden Kirche und bricht die Kontakte zu den Mitgliedern der Deutschen Christen ab. Trotz seiner Hinwendung zur BK schafft das Presbyterium 1935 sieben neue Hakenkreuzfahnen für die Pfarr- und Gemeindehäuser an. Ein Detail, dass das Maß der Anpassung der Kirche an den herrschenden Nationalsozialismus zeigt.

 

Kein Wort zur Reichspogromnacht.

Die kleine Synagoge in der Mülheimer Freiheit, die nach 1786 auch mit Hilfe des lutherischen Fabrikanten und Kirchmeisters Christoph Andreae wieder erbaut worden war, wurde am 10.11.38, einen Tag später als sonst im Deutschen Reich, von der SA in Brand gesetzt. Zahlreiche jüdische Familien wurden bedroht. Die Pogromhandlungen wurden von vielen Augenzeugen beobachtet. Doch die Protokolle des Presbyteriums gehen wortlos über dieses Ereignis hinweg. Auch in Mülheim waren es nur Einzelne wie der Pfarrer Wilhelm Heynen, die Juden hier und da individuelle Hilfe leisteten. So kam es denn auch in Mülheim zur Deportation der jüdischen Mitbürger in die Vernichtungslager. Die Frau des Arztes Speyer-Holstein erhält als letzte Mülheimer Jüdin 1942 ein Grab auf dem jüdischen Friedhof Mülheims.

Es sollte vierzig Jahre dauern, bis die Evangelische Gemeinde 1978 in Zusammenarbeit mit der Pfarrgemeinde Liebfrauen mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit begann.

 

24. Oktober 1944.

Kaum 50 Jahre stand der prächtige Bau der Lutherkirche, da kam der 28.10 1944. Im Bombenangriff dieses Tages versank Mülheim in Schutt und Asche. Die evangelische Gemeinde verlor mit 2 Kirchen, 5 Pfarrhäusern und 3 Gemeindehäusern fast ihren ganzen Besitz.

 

Luther-Notkirche.

Durch die finanzielle Unterstützung der amerikanischen Lutheraner konnte in Mülheim 1947 die „Luther-Notkirche“ errichtet werden. Nach einem Entwurf des Bauhaus-Architekten Prof. Otto Bartning wurde wie an 48 anderen Orten auch in Mülheim eine solche Kirche errichtet. Das Geld kam aus den USA, das Bauholz für das Dach und die Trägerkonstruktion aus der Schweiz, und die Ziegel wurden in Eigenarbeit aus den Trümmern der zerstörten Lutherkirche gewonnen.

Der Wiederaufbau der Friedenskirche, von der nur die Aussenmauern die Bombenangriffe überstanden, gelang erst im Jahr 1960.Bis heute zeigt ihre äußere Gestalt die Spuren des Krieges. Die Friedenskirche gewann nie mehr ihre alte barocke Gestalt zurück, so wie die Gemeinde Mülheim am Rhein auch nicht mehr die reiche, bürgerliche Gemeinde der Vorkriegszeiten war.

 

 

Friedenskirche 1945
Luther-Notkirche

Bildnachweis zu Luther-Notkirche: Historisches Archiv der Stadt Köln; Rheinisches Bildarchiv Nr. 100196

 

Mülheim – soziale Brennpunkte.

„Verehrungswürdiger Mann, Wahrer Menschenfreund! Sie kennen unser Mülheim. Aber Mülheim ist Mülheim nicht mehr!“, schrieb nach der Eisflut 1784 der reformierte Prediger Besserer an den Züricher Kollegen Lavater. So hätte auch ein Brief 1945 beginnen können.

Die Katastrophe des 2.Weltkrieges veränderte Mülheim fundamental: Tausende von Vertriebenen kamen in den Nachkriegsjahren nach Mülheim und fanden hier Wohnung in den Bauten, die aus den Trümmern entstanden waren. Der soziale Wohnungsbau der 50er Jahre trat an die Stelle vieler zerstörter Bürgerhäuser. In der alten Hacketäuerkaserne entwickelte sich ein sozialer Brennpunkt mit Notunterkünften für kinderreiche Arbeiterfamilien. Etwa 2000 Obdachlose fanden hier Wohnung, davon 1100 Kinder unter 15 Jahren. Auch die evangelische Gemeinde versuchte über Jahre durch verschiedene Initiativen, die Lage der Bewohner zu verbessern. Ab den 70er Jahren begann der Zuzug von vorwiegend türkischen Gastarbeitern nach Mülheim. Nach und nach zogen immer mehr evangelische Familien aus Mülheim in andere Vororte Kölns. Die Zahl der Gemeindeglieder reduzierte sich ständig. Trotz der schwindenden personellen und materiellen Basis engagierte sich die Gemeinde in den zurückliegenden Jahren für Arbeitslose und Aussiedler. Sie ist im interkulturellen Dialog engagiert. So gehört es zum Jubiläumsprogramm des Jahres 2010 unverzichtbar hinzu, dass neben der Historie, der hervorragenden Kirchenmusik der Gemeinde, auch das Wohl des Stadtteils im Blick ist. Unter dem Titel: „ Mülheimer Gespräche. Gemeinsam Leben gestalten“ organisiert die Gemeinde ein Forum zu brennenden Fragen im Stadtteil.

 

Töchter, soweit das Auge reicht.

Bis auf die evangelischen Gemeinden in Volberg und Delling, sind alle evangelischen Kirchengemeinden im rechtsrheinischen Köln „Töchter“ und „Enkelinnen“ von Mülheim. Bergisch Gladbach (selbständig 1775), Deutz (1855), Kalk (1877), Porz (1909), Dellbrück (1913) sind die ältesten. Alle Tochtergemeinden, die in Mülheim ihren Ursprung haben, nahmen am Pfingstsamstag 2010 an einem Sternmarsch nach Mülheim teil, um mit einem Gottesdienst auf dem Wiener Platz an die Geschichte der Evangelischen in Mülheim und im ganzen Rechtsrheinischen zu erinnern. Damit kamen die Feierlichkeiten der Festwoche zum Abschluß. Das Jubiläumsjahr mit seinem umfangreichen Programm endete mit einem Reformationsgottesdienst in der Friedenskirche am 31.Oktober 2010.