Der Beginn des ersten Weltkriegs am 1.8.1914

jährt sich in diesem Jahr (2014) zum hundertsten Mal. Wie dieses Ereignis im damaligen Gemeindebrief bewertet wurde, ist in den 52 Ausgaben des „Sonntags-Blatts für die evangelische Gemeinde Mülheim am Rhein“ von 1914 zu ersehen. Sie sind - in gebundener Form - Bestand des Gemeindearchivs. Eine Auswahl von 45 Artikeln ist hier nachzulesen (nummeriert und mit dem jeweiligen Erscheinungsdatum versehen).

Nährboden für die Entstehung des Krieges war u. a. ein übersteigertes Nationalbewusstsein in Regierung und Bevölkerung. Es fand Ausdruck in der glühenden Verehrung des Kaisers, Friedrich Wilhelm II. Die Dokumente > 02 und > 03 zeugen davon. Seinen Geburtstag am 27.1. feierte die Gemeinde mit Gottesdiensten und zahlreichen Veranstaltungen in den Gemeindekreisen , vgl. Dok. >04, >05 und >06.

Bevor es im Sommer zum Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar, dem eigentlichen Anlass für die Mobilmachung, kam, nahmen die Autoren des Sonntagsblatts zu einigen anderen gesellschaftlichen und kirchlichen Themen Stellung:

So wurde die "in weiten Kreisen unseres Volkes" verbreitete "Behaglichkeit des Lebens" angeprangert, die dazu führe, dass "Frauen und Männer aus Genußsucht auf Nachkommen verzichten" - von einer "ehemüden und kinderfeindlichen  Zeit" ist die Rede, vgl.  Dok. >07.

Kritisch wendet sich die Gemeindezeitung unter der Überschrift: "Zur roten Woche" (>Dok. 09) gegen die kirchenfeindlichen und atheistischen Stellungnahmen von Teilen der damaligen Sozialdemokratie, ähnlich in >Dok. 12.

Der "Evangelische Bund" - eine innerkirchliche, bis heute existierende Vereinigung - sah damals die evang. Kirche von dem "Wachsen der Macht Roms" bedroht und verurteilte vehement die "ungeheuerliche Beschimpfungen gegen Luther und den Protestantismus" in einem Hirtenbrief des Erzbischofs von Florenz. Befürchtet wurde, dass "die Jesuiten überall da, wo der Staat keine Kontrolle üben kann, diesen Haß unter die katholischen Volksmassen ausbreiten" - vgl. Dok. >10 und Dok. >11.

In weiteren Artikeln wird immer wieder die "evangelische Glaubenstreue" und der "evangelischen Opfersinn zum Heile unseres Vaterlandes" beschworen - vgl. Dok. >13 und Dok. >14.

Welche Bedeutung die Firma Christoph Andreae für die Gemeinde damals hatte, wird in einer Würdigung zum 200-jährigen Bestehen deutlich (Dok. >16 und Dok. >17). Die einflussreiche Mülheimer Fabrikanten-Familie hatte die Entwicklung der Gemeinde nachhaltig gefördert. 

Mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares am 28. Juni 1914 beginnt die Berichterstattung über den Beginn des 1. Weltkrieges (Dok. >18).

In den folgenden Ausgaben wird regelmäßig über die politischen und militärischen Entwicklungen der ersten Kriegswochen berichtet (vgl. Dok. 20ff). Dabei wird immer wieder die Einheit zwischen Volk und Kaiser beschworen: "Eine gewaltige Zeit ist für uns angebrochen. Tausende und Abertausende ziehen hinaus in den heiligen Krieg für Kaiser und Reich" (Dok. >23).

Die Siegesgewissheit ist ungebrochen (Dok. >24 und Dok. >27). Gleichzeitig wird der Gefallenen aus der Gemeinde gedacht, die Hilfe für Verwundete wird organisiert (Dok. >31).

Bemerkenswert ist das geistliche Wort vom 11.10. mit seiner Einschätzung des jesuanischen Gebotes der Feindesliebe in den Kriegszeiten (Dok. >35).

Die letzte Ausgabe vom 27.12. versucht einen Bogen zu schlagen von der weihnachtlichen Friedensbotschaft zur Situation der Soldaten in den Schützengräben (Dok. >44).  

Seit Kriegsbeginn am 1. August sind erst 5 Monate vergangen. Es folgen 4 weitere Kriegsjahre - auch sie werden kommentiert von den Autoren des Sonntagsblatts. 

 

Hartmut Schloemann