Eine Sternstunde der Gemeinde: 23. November 1934 
Die Gemeinde Mülheim am Rhein wird Mitglied der „Bekennenden Kirche“.

 In diesem Jahr erinnern sich alte Mülheimer an den 28. Oktober 1944,  an dem sich vor 70 Jahren die endgültige Zerstörung Mülheim durch Bombenangriffe ereignete. Auch die Gebäude der Kirchengemeinde Mülheim am Rhein wurden in dieser Nacht fast völlig  zerstört: siehe > DSC 6263 / > DSC 6266 / > DSC 6327. Viele Menschen, unter ihnen die vierzehnjährige Hanni Brohl, die auf dem altem evangelischen Friedhof ihr Grab fand, 

 

 

Grabstein von Hanni Brohl, evang. Friedhof

starben im Bombenhagel. Andere überlebten in Kellern und sogar auf dem Friedhof: Wieder sausen Bomben, Frauen und Kinder laufen in den Bunker. Wir, alle Männer, werfen uns hinter die Ruinen der Friedhofsmauer, zwischen Wäsche, Kleider und Rundfunkgerät", berichtet ein Augenzeuge. siehe > Friedhofsbroschüre, S. 51.

Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatte die neue Bewegung auch in der evangelischen Kirche viel Zustimmung erfahren. So war auch Pfarrer Wilhelm Heynen der NSDAP beigetreten. Jedoch schon ein Jahr später trat er wieder aus, weil er erkannt hatte, dass die Nationalsozialisten im Gegensatz zum evangelischen Bekenntnis standen. Siehe > DSC 6344-46. Im Juni 1934 berichtete er dem Presbyteriumvon seinem Besuch der "Barmer Bekenntnissynode" und der "Theologischen Erklärung von Barmen", die in Wuppertal verabschiedet worden ar. Am 23.11.1934 schloss sich das Presbyterium der "Bekennenden Kirche" an: Eine Sternstunde der Gemeindegeschichte. Siehe > DSC 6275 (vgl. zum Thema > Festschrift 2010 - 400 Jahre evangelisch in Mülheim am Rhein, S. 175ff).

 

 

 

Lutherkirche, Innenraum um 1930

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“   These 1. Barmer Erklärung. (siehe Evangelisches Gesangbuch Nr. 858)

Als im November 1938 die Mülheimer Synagoge in Brand gesetzt wurde, fand das Presbyterium Mülheims keine Worte für dieses Verbrechen. In der auf die Progromnacht folgenden Presbyteriumssitzung heißt es: „ Es soll über die Behandlung des Alten Testaments gesprochen werden.“ Siehe: > DSC 6295. Das war die einzige Reaktion der Gemeindeleitung auf die Judenverfolgung.
Trotz dieses Versagens der Gemeinde und der gesamten Kirche in der Shoah gab es hier und da auch in Mülheim Christen, die Juden in dieser Zeit Hilfe boten. Kathrinchen Roggendorf, angestellt im Schuhgeschäft der Familie Schild, wurde in den Lebenserinnerung von Rabbiner Erwin Schild dafür lobend erwähnt. (siehe: Festschrift 2010, S.221ff) . In der Gemeinde war es wiederum Pfarrer Heynen, der Hilfe leistete, besonders als er dem verstorbenen Judenchristen Moritz Weissenstein eine Bestattung auf dem Mülheimer Friedhof ermöglichte, nachdem dessen Angehörige von der nazifizierten Kölner Gemeinde abgewiesen worden waren. siehe: Festschrift 2010, S. 234f .
Die Bindung an die Tradition der Bekennenden Kirche und die Barmer Erklärung hat auch in der Zeit nach dem Krieg eine wichtige Rolle gespielt. Das Engagement der Gemeinde für soziale Fragen ist hier zu nennen. Besonders aber auch die Bemühungen um die ehemaligen jüdischen Bürger Mülheims und ihre Geschichte. (siehe: Festschrift 2010, S. 240-243). Es war vor allem der Pfarrer Martin Giesen, der in seinem Dienst dieser Tradition der Bekennenden Kirche sich besonders verbunden fühlte. Siehe: >Gemeindezeitung 2010
Bis heute wird jede rheinische Pfarrerin und jeder Pfarrer auf die „Barmer Erklärung“  in der Ordination verpflichtet.
„Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.“ (These 6 . Barmer Erklärung)
Wer mehr wissen will, hier …. (Chronologie des Presbyteriumsprotokolls aus dem Archiv)

Aus diesen Worten der Bekenntnisschrift folgten die Konsequenzen, die die Gemeinde damals zog: Sie trennte sich von der Gruppe der „Deutschen Christen“, die in der Gemeinde tätig war, siehe:  >6276/ >6278/ >6293. Sie ließ 1938 für den inhaftierten Pfarrer Martin Niemöller anfangs alle  Glocken schweigen und läutete später nur noch die Trauerglocke. Der Altar wurde schwarz verhängt. Siehe: >6274. Als jedoch  ein Jahr später der rheinische Pfarrer Paul Schneider im KZ ermordet wurde, reichte die Widerstandskraft der Mülheimer Gemeinde nur noch zu einem stillen Gedenken. Auch sonst hat das Presbyterium trotz der Hinwendung zur Bekennenden Kirche sich manchen staatlichen Verordnungen gebeugt. So wurde auf Anordnung die Kirchenfahne (mit violettem Kreuz auf weißem Grund) durch sieben neue Hakenkreuzfahnen für die Pfarr- und Gemeindehäuser ersetzt.

Weitere Fotos und Dokumente zu diesem Text finden sich >hier...