Die Jahre nach 1945

Am 8. Mai dieses Jahres (2015) jährt sich das Ende des 2. Weltkriegs zum 70. Mal. Es gibt immer weniger noch lebende Zeitzeugen, die diese dramatischen Monate und Jahre in Mülheim oder Köln selbst erlebt haben. Umso wichtiger werden die schriftlichen Berichte aus dieser Zeit, um das Ausmaß von Zerstörung und Leid und des mühsamen Wiederaufbaus zu erfassen. In verschiedenen Publikationen sind die Dokumente und Bilder aus dem Bestand der Kirchengemeinde zu Kriegsende und Neubeginn dargestellt worden. Bekannt ist manchen Lesern die Festschrift „400 Jahre evangelisch in Mülheim am Rhein – 1610-2010“. Dort wird die Entwicklung nach 1945 ausführlich dargestellt. Das Buch ist mit seinen 368 Seiten in der Webseite www.geschichte-kirche-koeln-muelheim.de (dort unter „Darstellungen der Gemeindegeschichte“) zu finden. In Erinnerung an das Kriegsende und seine Folgen sollen hier die Anstrengungen der Kirchengemeinde um den Wiederaufbau gemeindlicher Strukturen und Gebäude dargestellt werden. Grundlage sind die im Archiv der Kirchengemeinde vorhandenen Dokumente, vor allem die Protokolle der Presbyteriums-Sitzungen und die Verwaltungsberichte. In der Webseite sind diese Berichte aus dem Gemeindeleben in der Zeit von 1944-49 nachzulesen („Zur Geschichte der Gemeinde“). Am 28. Oktober 1944 flog die englische Luftwaffe einen Angriff, der weite Teile Kölns und auch Mülheims zerstörte. Im Protokollbuch heißt es am 6.12.1944: „Nachdem am Nachmittag des Samstag, den 28. Okt. 1944, die beiden Kirchen, die drei Pfarrhäuser, die vier Gemeindehäuser und damit die sämtlichen Gebäude unserer Gemeinde innerhalb des Stadtgebietes Mülheim vernichtet worden waren, fanden sich die zurückgebliebenen Mitglieder des Presbyteriums zur Beratung und Beschlußfassung über die durch diese Verwüstung entstandenen Lage und die sich daraus ergebenen Aufgaben zusammen.“

 

Im Rückblick heißt es im Verwaltungsbericht (Okt. 1944 bis Okt. 1946), diese verheerenden Zerstörungen „drohten das kirchliche Leben der Gemeinde zu erlöschen“. 

Vor dem Krieg gehörten 17.000 Menschen zur Gemeinde, 1945 waren es noch 4000. Vorübergehend stellten für erste Gottesdienste die Geschwister Fuhrmann Räumlichkeiten in der Berliner Str. 109 zur Verfügung. Dort fand auch Pfr. Sparre Unterkunft, und das Presbyterium trat hier zur ersten Sitzung zusammen. Der anfängliche Plan, das „Otto-Stift“, (heute Bodelschwingh-Haus, Mündelstr.) für Gottesdienst, Unterricht, Kindergarten und Wohnungen wiederherzustellen, wurde bald wegen fehlendem Baumaterial verworfen. Dankbar ging das Presbyterium deshalb auf das Angebot der Geschwister Leverkus ein, das Haus in der Düsseldorferstr. 27 gegen Miete zur Verfügung zu stellen. Ein Kirchraum mit 150 Plätzen wurde eingerichtet, außerdem war Platz für den Kindergottesdienst, den Konfirmandenunterricht, die Wohnungen für Pfr. Heynen und die Küster Carle und Fidora mit ihren Familien sowie für die Gemeindeverwaltung. In das Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Düsseldorferstr. wurden von der Stadtverwaltung Menschen ohne Wohnung eingewiesen. Das Presbyterium wollte das Haus jedoch umgehend wieder als Kinderheim nutzen. Im Kellergeschoss des zerstörten Gemeindehaus Graf-Adolf-Str. wurde Ende 1945 einer der drei Kindergärten wieder eröffnet. Der „innere und äußere Wiederaufbau der Gemeinde“ wurden unerwartet erschwert durch die vom Konsistorium in Düsseldorf verfügte „Zur-Ruhesetzung“ der beiden ältesten Pfarrer Mühlberg und Sparre. Beide waren über 30 Jahre im Dienst der Gemeinde. Dem Presbyterium gelang es – gegen den Widerstand der Kirchenleitung - beide Pfarrer für eine Verlängerung ihres Dienstes zu gewinnen. Die Gemeindebezirke wurden von drei auf zwei reduziert. Der Nord-Bezirk umfasste Flittard und Stammheim, der südliche neben Mülheim auch Höhenberg, das vorher den 3. Bezirk bildete. Wesentliche Aufbauarbeit leisteten auch die Gemeindeschwestern in der Versorgung von kranken und gebrechlichen Gemeindegliedern. Als Flüchtlinge aus den östlichen Gebieten kamen die Diakonissen Hulda Moskopf und Emilie Leder nach Köln. Sie unterstützten die langjährige Schwester Marie Hampel. Am 28.10.1945 wurde in einer Jahres-Gedenkfeier der Zerstörung Mülheims und „aller Opfer, die der Krieg von uns forderte“ (Pfarrer Heynen im Weihnachtsbrief 1945) gedacht. Ende 1946 wird der Beschluss gefasst, in der bis auf den Turm zerstörten Lutherkirche eine Baracke zu errichten. Die ebenfalls zerstörte Friedenskirche sollte „nach Möglichkeit wiederaufgebaut werden“.

 

 

Luther-Kirche nach der Zerstörung 1944

Während die Luther-Notkirche im Januar 1949 im Beisein des Präses der Evang. Kirche im Rheinland eingeweiht wird, kann die Friedenskirche erst wieder 1960 – zur 350-Jahrfeier der Gemeinde ihrer Bestimmung übergeben werden. 

Hartmut Schloemann